Es passiert erstaunlich oft. Irgendwas Süßes wird auf den Tisch gestellt, jemand greift zu, und noch bevor die Schokolade den Mund erreicht, wird kommentiert: „Ach, das ist ganz schlimm.“ Oder: „Morgen gibt’s dann nur Salat.“ Oder eben: „Für dich ist das wahrscheinlich sowieso tabu.“

Ist es nicht!

Ob alle davon ausgehen, dass ich permanent mit einem inneren Nährwertrechner durch die Gegend laufe? Oder als würde ich beim Betreten einer Wohnung sofort den Zuckergehalt der Atmosphäre messen.

Sobald bekannt ist, dass ich Ernährungsberaterin bin, beginnt eine Art kulinarische Selbstverteidigung. Die Chipstüte wird halb entschuldigend weggeschoben. Der Rotwein bekommt eine Erklärung. Manchmal wird sogar die eigene Einkaufspolitik erläutert. Woher die Eier kommen. Oder die Tatsache, dass Tiefkühlpizza wirklich nur die Ausnahme sei. Meistens mittwochs. Oder wenn es schnell gehen muss. Oder eigentlich nie, nur heute.

Vielleicht liegt es daran, dass Ernährung für viele mit Moral verknüpft ist. Gut gegessen. Schlecht gegessen. Diszipliniert. Schwach geworden. Als wäre jede Mahlzeit ein kleiner Charaktertest.

Ich lebe das, was ich empfehle, tatsächlich auch selbst. Viel Gemüse, gutes Brot, frische Zutaten, regelmäßig kochen. Aber ich halte eine 80/20-Haltung für ziemlich vernünftig. Meistens ausgewogen, manchmal nicht. Ich esse Süßigkeiten, ich bestelle auch mal Pasta. Und wenn mir jemand Gummibärchen anbietet, dann nehme ich welche. Einfach, weil ich Lust drauf habe.

Es ist ein bisschen wie mit dem Kaffee. Mein Lebensgefährte röstet Spezialitätenkaffee (Kleines Shout-out an Liloucoffee). Auch das spricht sich herum. Und plötzlich wird selbst der Filterkaffee zur heiklen Angelegenheit.

„Ich würde dir ja gerne einen Kaffee anbieten, aber ich habe nur ganz normalen aus dem Supermarkt.“

Dieser „ganz normale“ Kaffee wird dann fast geflüstert, als handle es sich um ein Vergehen.

Dabei freue ich mich über jeden Kaffee, der mir angeboten wird. Ich analysiere nicht die Bohne. Ich ziehe keine sensorische Bilanz. Ich denke nicht: Ah, 87 Punkte, aber leichte Bitterkeit im Abgang. Ich denke: Wie nett, dass du mir einen Kaffee machst.

Es ist faszinierend, wie schnell Menschen sich beobachtet bzw. beurteilt fühlen. Wie sehr wir uns selbst unter Druck setzen, sobald jemand am Tisch sitzt, der „vom Fach“ ist. Als müsste alles auf einmal professionellen Standards genügen.

Ich glaube an Maß, an Bewusstsein und daran, dass Essen Teil des Lebens ist und kein Projekt. Wer immer alles richtig machen will, macht es sich unnötig schwer. Und wer denkt, er müsse sich rechtfertigen, macht es sich noch schwerer.

Und wenn ich irgendwo sitze und mir jemand sagt: „Das ist sonst nicht so“, dann denke ich oft: Hoffentlich ist es manchmal genau so. Mit Chips. Einem schönen Kaffee. Mit Tiefkühlpizza an einem Mittwochabend. Das Leben hält das aus. Der Körper übrigens meistens auch.

Einfach:
„Magst du einen Kaffee und ein Stück Kuchen?“

Gerne.


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